Warum sinken die Bauzinsen nicht, obwohl der Leitzins fällt?
Viele Menschen glauben: „Wenn die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen senkt, dann müssen doch auch die Bauzinsen fallen!“ Diese Annahme klingt logisch, schließlich wird überall betont, dass die EZB mit ihren Entscheidungen die Zinsen in der Wirtschaft steuert.
Doch wer sich jetzt auf sinkende Bauzinsen freut, könnte bitter enttäuscht werden. Obwohl die EZB bereits andeutet, dass sie ihren Leitzins bald senken könnte, bleiben die Bauzinsen auf hohem Niveau. Wie kann das sein?
Die Erklärung liegt in einem Mechanismus, der vielen verborgen bleibt: Nicht die EZB, sondern die Bundesanleihen sind der wahre Taktgeber für die Bauzinsen. Und aktuell sorgt ein Milliarden-Investitionspaket der Bundesregierung dafür, dass diese Zinsen hoch bleiben – trotz aller Hoffnungen auf Entlastung.
Warum Bundesanleihen die Bauzinsen beeinflussen – und nicht die EZB
Ein Immobilienkredit läuft in der Regel zehn, fünfzehn oder sogar dreißig Jahre. Das bedeutet, dass Banken sich ebenfalls langfristig Geld beschaffen müssen, um diese Kredite zu finanzieren. Sie könnten sich zwar theoretisch auch kurzfristig bei der EZB Geld leihen, doch das birgt ein massives Risiko: Was passiert, wenn die EZB den Leitzins später wieder anhebt?
Banken müssen daher eine andere Quelle für langfristige Finanzierungen nutzen: den Kapitalmarkt.
Und hier kommen die Bundesanleihen ins Spiel.
Diese Wertpapiere gibt der deutsche Staat heraus, um sich Geld zu leihen. Wer sie kauft, leiht dem Staat für eine festgelegte Zeit Geld und bekommt dafür Zinsen – die sogenannte Rendite. Diese Renditen sind extrem wichtig, denn sie dienen als Benchmark für alle langfristigen Kredite – von Unternehmensdarlehen bis hin zu Baufinanzierungen.
Die 10-jährige Bundesanleihe gilt als besonders wichtig, weil sie eine Art Referenzzins für langfristige Kapitalmarktzinsen ist. Wenn ihre Rendite steigt, werden auch Baukredite teurer. Sinkt sie, werden Bauzinsen günstiger.
Das Problem: Aktuell steigt die Rendite dieser Anleihen – und das hält die Bauzinsen hoch.
Warum die EZB den Bauzins nur indirekt beeinflusst
Der Irrglaube, dass die EZB direkt für die Höhe der Bauzinsen verantwortlich ist, kommt daher, dass ihr Leitzins in vielen Bereichen tatsächlich eine große Rolle spielt – aber vor allem für kurzfristige Kredite.
Wenn die EZB den Leitzins anhebt, werden Dispokredite, Konsumentenkredite und Unternehmensfinanzierungen teurer. Banken müssen höhere Zinsen zahlen, wenn sie sich kurzfristig Geld bei der Zentralbank leihen. Doch für langfristige Kredite wie Baufinanzierungen sieht die Sache anders aus.
Hier zählen andere Faktoren:
- Die Inflation:
- Steigt die Inflation, fordern Anleger höhere Renditen für Anleihen. Schließlich wollen sie einen Ausgleich für den Kaufkraftverlust ihres Geldes.
- Höhere Anleiherenditen bedeuten höhere Bauzinsen.
- Die Staatsschuldenpolitik:
- Wenn der Staat viele neue Schulden macht und dafür neue Anleihen ausgibt, steigt das Angebot.
- Investoren fordern höhere Zinsen, um in diese Anleihen zu investieren.
- Die Renditen der Bundesanleihen steigen – und damit auch die Bauzinsen.
- Der globale Kapitalmarkt:
- Wenn Investoren bessere Renditen in anderen Ländern bekommen, verkaufen sie deutsche Anleihen.
- Dadurch steigen die deutschen Anleiherenditen – und damit auch die Bauzinsen.
Diese Faktoren wirken oft unabhängig von der EZB. Selbst wenn sie den Leitzins senkt, könnten die Bundesanleiherenditen hoch bleiben – und die Bauzinsen somit ebenfalls.
Das Milliarden-Investitionspaket der Bundesregierung – und seine unerwarteten Folgen
Ein aktuelles Beispiel für diese Mechanik ist das neue Investitionspaket der Bundesregierung. Die Regierung plant, in den kommenden Jahren Milliarden in Infrastruktur, Energiewende und Wirtschaftsförderung zu stecken. Das klingt erstmal gut: mehr Investitionen bedeuten mehr Wachstum und Jobs.
Doch das Geld für diese Maßnahmen muss irgendwoher kommen – und genau hier liegt das Problem.
Um diese Projekte zu finanzieren, muss der Staat neue Schulden aufnehmen. Dafür gibt er zusätzliche Bundesanleihen aus. Das vergrößert das Angebot an Staatsanleihen auf dem Markt, was dazu führt, dass Investoren höhere Zinsen fordern.
Diese Entwicklung treibt die Renditen der Bundesanleihen nach oben – und das bedeutet:
- Banken müssen höhere Zinsen zahlen, wenn sie sich über den Kapitalmarkt refinanzieren.
- Diese höheren Kosten geben sie an die Kreditnehmer weiter.
- Die Bauzinsen bleiben hoch – selbst wenn die EZB den Leitzins senkt.
Das ist der Grund, warum der Bauzins nicht einfach fällt, nur weil die EZB ihre Geldpolitik lockert. Die Marktkräfte der Kapitalmärkte sind oft stärker als die kurzfristige Zinspolitik der Zentralbank.
Warum Banken sich nicht einfach günstiges EZB-Geld holen können
Viele fragen sich: Warum nutzen Banken nicht einfach die günstigen EZB-Kredite, um Immobilienfinanzierungen anzubieten?
Die Antwort ist simpel: Das funktioniert wegen der unterschiedlichen Laufzeiten nicht.
Die EZB vergibt in der Regel sehr kurzfristige Kredite (meist für wenige Monate). Ein Immobilienkredit läuft jedoch oft über Jahrzehnte. Wenn eine Bank ihre langfristigen Kredite mit kurzfristigem EZB-Geld finanziert, geht sie ein enormes Risiko ein.
Denn wenn die EZB später die Zinsen wieder anhebt, müsste die Bank ihre eigenen Refinanzierungskosten ebenfalls erhöhen. Doch die vertraglich festgelegten Zinsen für Baukredite kann sie nicht einfach anpassen – sie hat sich schließlich an die Kreditnehmer gebunden.
Deshalb nutzen Banken lieber langfristige Refinanzierungsmethoden, wie Pfandbriefe. Doch auch hier gibt es ein Problem: Die Zinsen für Pfandbriefe orientieren sich ebenfalls an den Bundesanleihen. Und wenn deren Renditen hoch bleiben, bleiben auch die Bauzinsen hoch.
Fazit: Warum Bauzinsen nicht automatisch fallen werden
Viele Menschen hoffen, dass mit einer EZB-Zinssenkung auch die Bauzinsen sinken. Doch wie wir gesehen haben, sind die Dinge komplexer.
Aktuell sorgt das Investitionspaket der Bundesregierung für ein steigendes Angebot an Bundesanleihen – und das hält deren Renditen hoch. Solange das so bleibt, werden auch die Banken ihre Baukredite nicht günstiger machen können.
Wer über eine Baufinanzierung nachdenkt, sollte sich also nicht nur auf die EZB verlassen. Viel wichtiger ist der Blick auf die Entwicklung der Bundesanleihen und die langfristigen Kapitalmarktzinsen. Denn die entscheiden letztlich darüber, wie teuer ein Kredit wirklich wird.
Es lohnt sich also, den Finanzmarkt aufmerksam zu beobachten – denn dein Traumhaus könnte stärker von Staatsanleihen abhängen, als du denkst.